Iain Abernethy - „Fehlende Hinweise" in den Katas?

Aus dem Englischen „The ‘Missing links’ of Kata?“ von Iain Abernethy13. April 2010.

Von Axel Heinrich

  

Das Interesse an ursprünglichen Karate-Techniken, wie sie in den Katas verschlüsselt sind, hat zweifellos zugenommen. Es scheint, dass sich immer mehr Menschen nicht mehr damit zufriedenstellen, Karate einfach als ein System mit Tritten und Schlägen zu trainieren, sondern alle Aspekte dieser „Kunst“ zu üben.

Will man diese oft vernachlässigten Seiten der Katas gesondert betrachten, ist ein gutes Verständnis der Prinzipien, auf denen Katas basieren, unabdingbar. In diesem Artikel möchte ich kurz die Grundprinzipien der „Eingangstechniken” erläutern. Man unterscheidet im Zusammenhang mit diesen Techniken verschiedene Begriffe (zum Beispiel „Vor-Kata-Bewegungen”, „Haupttechniken“, „Eröffnungstechniken“ usw.), aber meiner Meinung nach ist die Bezeichnung „Eingangstechniken”, wie sie von Patrick McCarthy geprägt worden ist, sehr zutreffend.1

Wir müssen verstehen, dass Katas von Kämpfern für Kämpfer geschaffen worden sind und dass sie daher Grundkenntnisse über das Kämpfen voraussetzen. Zwei wesentliche Prinzipien des Kämpfens, die es stets zu beachten gilt, sind folgende: zum einen ist es wichtig, alles so einfach wie möglich zu halten und, zum anderen, die Initiative zu ergreifen und diese beizubehalten.

Werfen wir zunächst einen Blick auf das erste Prinzip: Einfachheit. Wie ihr wisst, produziert der Körper während eines Kampfes Adrenalin, was dazu führt, dass die Feinmotorik eingeschränkt ist (nachzulesen in Geoff Thompsons exzellentem Buch „Dead or Alive“). Somit ist es sehr unwahrscheinlich, dass man in der Lage ist, irgendeine übermäßig komplexe Bewegung auszuführen. Zweitens sollte sich die Anzahl der ersten Reaktionen auf ein Minimum beschränken. Nehmen wir an, jemand hat viele verschiedene Möglichkeiten gelernt um auf einen bestimmten Angriff zu reagieren; bis sich derjenige schließlich für eine dieser Optionen entschieden hat, kann sich die Situation verändert haben, sodass die Technik der Situation nicht mehr angemessen ist. In den Augenblicken vor einer heftigen Auseinandersetzung sollte man einen häufig trainierten präventiven Schlag ausführen. Ist man schon über diesen Punkt hinaus und findet sich in einer Grappling-Situation wieder, sollten auch die ersten Grappling-Techniken möglichst einfach und in ihrer Anzahl so gering wie möglich sein. Auf diese Weise wird man sich schnell und effektiv ohne zu zögern verteidigen können. Es würde daher sehr viel Sinn machen, wenn die Gründerväter des Karate eine Reihe von Tegumi-Techniken zusammengestellt hätten, die sofort angewendet werden können, sobald sich das Kampfgeschehen auf den Boden verlagert. Und so ist es auch! 

Ein weiterer Fehler, der beim Studium von Bunkai unbedingt vermieden werden sollte, ist die Tendenz, Katas zu defensiv zu interpretieren und darzustellen. Im Kampf ist es wichtig, die Initiative zu übernehmen und sie aufrecht zu erhalten. Man sollte sich vornehmen, vielmehr dem eigenen Tempo nachzugehen und selbst den Kampf zu bestimmen als sich vom Gegner das Geschehen diktieren zu lassen. Nicht selten hört man Äußerungen wie „Wenn der Angreifer dein Handgelenk packt, kannst du darauf mit diesem Teil der Kata reagieren.“ Warum konnte der Angreifer überhaupt dein Handgelenk packen? Ist dies etwa die brutalste Art anzugreifen? Stehst du einfach so da, dass der Angreifer machen kann, was er will? Nach dem Motto: „Warte bis du mein Handgelenk gefasst hast, dann bekommst du die Antwort!“

Erinnere dich immer daran, dass Katas instinktive Reaktionen des Angreifers berücksichtigen (nicht zu verwechseln mit sogenannten „antrainierten Reaktionen“ – aber dazu mehr in einem anderen Artikel). Die Prinzipien, die man mit dem Grundsatz „Mit einem Schlag töten”1 verbindet, ziehen sich wie ein roter Faden durch das Karate, mit dem Ziel, zu jeder Zeit in der Lage zu sein, den Kampf so schnell wie möglich zu beenden. Die Genitalien anzugreifen ist ein schneller und sicherer Weg einen Kampf in der Bodendistanz zu beenden. Der Unterleib ist eine Körperregion, die von den meisten Männern instinktiv verteidigt werden wird. Wenn man versucht, den Unterleib anzugreifen, ist die Chance groß, dass der Angreifer dies abwehrt. Wenn der Griff zum Unterleib erfolgreich war, ist der Kampf deiner. War dein Griff nicht erfolgreich, dann wird der Widersacher dein Handgelenk fest greifen um weitere Angriffe gegen untere Körperregionen zu verhindern. Und hier kommen die Techniken gegen „Wenn der Angreifer dein Handgelenk greift…“ ins Spiel. Der Angreifer fasst dein Handgelenk, weil er dazu gezwungen wurde! Greift er nicht dein Handgelenk, zerquetscht du seine Hoden. Tut er es doch, wendest du die Techniken aus der Kata an, machst ihn kampfunfähig und befreist deinen Arm. Oftmals zeigen Katas solche „Eingangstechniken”, wie den Angriff zum Unterleib, aber nicht. Der Hauptgrund liegt darin, dass sie so offensichtlich sind. Man muss aber ihren Sinn verstehen und sich ihrer Existenz bewusst sein, wenn man in der Lage sein will, diese Techniken und Prinzipien der Katas effektiv anzuwenden.

Es gibt hauptsächlich drei „Eingangstechniken“: den Griff zum Unterleib, wie bereits erläutert, den Griff an die Kehle und den Fingerstich in die Augen. Nochmal: entfaltet eine dieser Techniken ihre Wirkung, ist der Kampf vorbei. Falls nicht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Angreifer das Handgelenk packt, um deine Hand von seinem Gesicht oder Unterleib weg zu bewegen. Und  nochmal, an diesem Punkt kommen die Handgelenksbefreiungen, die in der Kata vorkommen, ins Spiel (siehe dazu auch unsere Bücher und Videos „Karate’s Grappling Methods“). Kämpfst du auf diese Art, bist du derjenige, der permanent die Initiative hat, nicht dein Angreifer.

Alle drei genannten Eingangstechniken sind sehr leicht anzuwenden und genau das ist der Grund, warum sie in Katas vorkommen. Sobald wir uns in der Bodendistanz wiederfinden, sollte unser erstes Augenmerk auf einer der drei Eingangstechniken liegen. Dies verringert unsere Optionen für Gegenmaßnahmen und ermöglicht uns, schnell und entschieden zu reagieren. Kontert der Angreifer, dann sind wir in der Lage, die verschiedenen Katatechniken, die man gegen einen fixierten Arm anwenden kann, zusammenzuführen.

Karate war ursprünglich ein äußerst brutales Kampfsystem. Heutzutage sehen wir uns mit den juristischen Folgen als Ergebnis unseres Handelns konfrontiert. Sei dir sicher, dass du die oben beschriebenen Techniken nur dann anwendest, wenn es die Situation rechtfertigt. Erinnere dich an die Maxime der Shaolin-Mönche: „Besser du verletzt jemanden, als dass du selbst verletzt wirst; besser du schlägst jemanden zum Krüppel, als dass du selbst zum Krüppel wirst; besser du tötest jemanden, als dass du selbst getötet wirst.“ Wende niemals mehr Kraft an als notwendig.

Eingangstechniken sind ein äußerst wichtiger Bestandteil der kämpferischen Seite des Karate. Wer seine Katas ganz verstehen will, muss begreifen, dass sie von Kämpfern für Kämpfer gemacht worden sind. Sei dir im Klaren, was sie zeigen und was sie nicht zeigen, und warum das, was sie nicht zeigen, manchmal wichtiger sein kann als das, was sie zeigen!

 

 

Anmerkungen des Übersetzers:

1 Abernethy spricht hier von „pre-kata movements”, „lead techniques”, „opening techniques” – McCarthy verwendet den Begriff „entrance techniques”.

2 Gemeint ist hier „Ikken hissatsu“ 一拳必殺.