Jesse Enkamp -„10+1 Unterschiede zwischen Okinawa Karate und japanischem Karate"

Aus dem Englischen 10 Differences Between Okinawan Karate & Japanese Karate“ von Jesse Enkamp. 26. Januar 2015.

Von Axel Heinrich

 

#1 Höhere Stände

Im Okinawa Karate sind die Stellungen höher, weil es eher den natürlichen Gegebenheiten entspricht. Nun lässt sich dagegen einwenden, dass tiefere Stände die Beinmuskulatur kräftigen. Aber darum geht es nicht. Die Stände im Okinawa Karate sind praktischer, weil sie in einer Selbstverteidigungssituation schneller und einfacher gewechselt werden können.

#2 Warum geht vor Wie

Okinawa Karate konzentriert sich auf die Bedeutung (das Warum) einer Technik, weniger auf die Ausführung (das Wie). Das Warum ist wichtiger als das Wie. Im japanischen Karate ist das Gegenteil der Fall. Wie kommt das? Das hat drei Gründe: Die Bedeutung vieler Techniken ging während der geschichtlichen Übertragung des Karate von Okinawa nach Japan verloren. Die Ausrichtung des japanischen Karate ist heute nicht mehr identisch mit dem Okinawa Karate. Historisch betrachtet war erstes am spirituellen Weg (Dō) orientiert, wie z.B. im Judo, Kendo, Aikido etc., mit dem Ziel den Charakter des Übenden zu bilden  - durch das Wie. Der Grundgedanke im Okinawa Karate lag immer hauptsächlich auf der Selbstverteidigung (dem Warum). Viele Techniken des japanischen Karate sind beeinflusst von einer anderen, schon etablierten japanischen Kampfkunst, in der die jeweiligen optimalen Bewegungsmuster gut erforscht sind.

So zum Beispiel wird dir ein japanischer Sensei die Techniken einer Kata bis ins Detail erklären: wie du die Hüfte eindrehst, wie du die Stellung der Füße anpasst, wie du dein Körpergewicht verlagerst usw. Ein okinawanischer Sensei aber wird dich stattdessen an den Sinn der Kata erinnern. Die Bunkai. Verstehst du?

#3 Kein Osu!/Oss!”

Im japanischen Karate wird ab und zu das Kommando „Osu!” (gesprochen „Oss!“) verwendet. Dieses Phänomen hat sich bis in den Westen verbreitet und wird sogar im Brazilian Jiu-Jitsu und im MMA immer beliebter. Aber… Auf Okinawa habe ich noch nie ein „Osu!/Oss!“ gehört. Warum? Den Grund könnt ihr hier nachlesen. Kampfkünstler auf Okinawa benutzen dafür üblicherweise „Hai!”.

#4 Es ist kein Sport. Es ist eine Lebensart.

Nachdem Karate auf Japan eingeführt worden war, hat sich vieles verändert. So zum Beispiel begannen sich die Menschen in Wettbewerben zu messen. Viele wissen das nicht, aber Übende des japanischen Karate veränderten in der Tat viele Katas und fügten eine Menge neuer Kumite-Techniken hinzu, einzig und allein um Punkte in Wettkämpfen zu erzielen. Glaube mir, du wirst nie einen okinawanischen Sensei sehen, der dir einen Spinning Hook Kick zum Kopf beibringen wird.1

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Karateka auf Okinawa nehmen heutzutage auch an Wettkämpfen teil. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied bei deren Herangehens-weise. Karate ist auf Okinawa kein Sport, es ist eine Lebenseinstellung. Das ist es wirklich. Das Erbe des Karate ist auf Okinawa allgegenwärtig und es ist solch ein wichtiger Teil der Kultur, dass es einfach keinen Sinn macht, in Wettkämpfen gegeneinander anzutreten. Ein wachsender Bambus misst sich nicht mit einem benachbarten Bambus. Richtig?

 

#5 Chinkuchi vor Kime

Das Konzept des Kime ist im japanischen Karate außerordentlich wichtig. Vielleicht hast du davon schon gehört. Das Wort „Kime” kommt von „Kimeru“, was wörtlich „sich entscheiden“ oder „fixieren“ bedeutet. Kime ist das plötzliche Stoppen am Ende einer Technik. (Lies hier weiter). Aber, aufgemerkt! Auf Okinawa gibt es etwas anderes: Chinkuchi! In Okinawa ist es nicht so wichtig, die Technik schnell festzumachen. Es ist viel wichtiger deine gesamte Kraft in den Gegner zu übertragen – ähnlich einer Schockwelle. Und dafür musst du deine ganze Körperkraft explosionsartig freisetzen können. Kennst du den berühmten „One-inch punch” von Bruce Lee? Er ist ein Paradebeispiel für Chinkuchi (Hier findest du mehr dazu). Letztlich geht es immer um Kraft.

#6 Kobudō-Waffen

Japanisches Karate ist weitgehend waffenlos. Aber in Okinawa kann man in beinahe jedem Dōjō Waffen an den Wänden sehen. Warum? Weil dort Kobudō geübt wird – die Kunst mit den alten Werkzeugen des Karate umzugehen. Die zehn meist verbreiteten Kobudō-Waffen sind: Bo, Sai, Tonfa, Nunchaku, Kama, Timbe/Rochin, Tekko, Kuwa, Sansetsu Kon, Nunti Bo. Ich möchte damit nicht sagen, dass Okinawa Karate eine Waffenkunst ist. Aber vor langer Zeit war das ländliche Okinawa ein sehr ungemütlicher und gefährlicher Ort. Die meisten Schurken trugen damals Waffen. Und wenn man nie mit Waffen trainiert, ist es schwer, sich dagegen zu verteidigen. Deshalb waren viele Karate-Meister der alten Schule auch Meister des Kobudō. Wie Nakamoto Masahiro, 10. Dan Okinawa Kobudō, der mir nach dem Training in seinem Dōjō einmal sagte: „Karate und Kobudō sind wie Bruder und Schwester. Niemals getrennt.“

Kobudō wird heutzutage nur in wenigen Dōjōs auf Okinawa trainiert. Aber glaub mir: die verstehen etwas davon. Im japanischen Karate wird es sogar noch seltener trainiert. Wenn überhaupt.

 

#7 Old-School Werkzeuge zum Kraftaufbau

Die Meister des Okinawa Karate legen viel Wert auf körperliche Abhärtung. Der Gedanke dahinter: Wenn dein Körper schwach und zerbrechlich ist, kannst du dich einfach nicht richtig selbst verteidigen. Also haben sie jede Menge merkwürdige Werkzeuge entwickelt, um ihre Körper zu stählen und zu kräftigen. Diese Gegenstände werden auch heute noch im Okinawan Karate verwendet.

Einige meiner Favoriten:

· Makiwara – ein hölzernes, federndes, Stroh umwickeltes Schlagbrett. Das Sprichwort „Ein Dōjō ohne Makiwara ist kein Dōjō.“ zeigt, wie wichtig dieses Werkzeug in Okinawa ist.

· Chi-ishi – ein Steingewicht, das mit einem kurzen hölzernen Stab befestigt ist, um es zu schwingen und somit Arme, Handgelenke, Rücken und letztlich den ganzen Körper zu kräftigen.

· Ishi-sashi – eine Hantel aus Zement in der Form eines Vorhängeschlosses. Man benutzt sie wie die modernen Kettlebell-Hanteln, aber eben mit einem Karate-Hintergrund.

· Nigiri-game – große sandgefüllte Keramikkrüge, die man am Rand greift (mit einem Krug in jeder Hand) während man in verschiedenen Stellungen läuft, um Arme, Handgelenke, Beine und den gesamten Körper zu trainieren.

· Tou – ein Bündel Bambus, das an beiden Enden zusammengebunden ist. Man schlägt es mit dem Unterarm, den Fingern und dem Ellbogen (fast wie ein Makiwara), aber auch mit den Beinen, um die Schienbeine abzuhärten.

Im japanischen Karate sieht man diese Trainingswerkzeuge kaum – mit Ausnahme des Makiwara. Aber auf Okinawa findet man sie in jeder Ecke des Dōjōs. Sie sind einfach unerlässlich.

 

#8 Tuidi-Techniken

Als nächstes gibt es etwas, das sich „Tuidi” nennt. Während das japanische Karate auf dem Prinzip basiert aus einer großen Distanz heraus zu kämpfen, zieht Okinawa Karate die Nahdistanz vor. Und hier kommt Tuidi ins Spiel.

Tuidi ist die okinawanische Methode, die Gelenke des Gegners durch Greifen, Fixieren, Verdrehen und Ausrenken anzugreifen. Natürlich beinhaltet diese Art zu kämpfen auch noch andere üble Dinge, wie Würgen, aus dem Gleichgewicht bringen, Werfen, Hände fixieren, auf Druckpunkte und Nervenbündel schlagen usw. Nur vereinzelt wird man solche Techniken im Trainingsalltag des japanischen Karate finden.

Warum? Weil, wie oben bereits geschrieben, japanisches Karate sehr stark von schon existierenden Kampfkunst-Traditionen beeinflusst worden war als es aus Okinawa kam. Die ursprüngliche, kurze Nahkampfdistanz vergrößterte sich auf eine Ferndistanz – und Konzepte wie „Maai“ (Distanz zwischen zwei Kämpfern) wurden aus dem japanischen Schwertfechten Kendō übernommen. Aus diesem Grund ist Tuidi im japanischen Karate nicht so wichtig. Aber im Okinawa Karate wird es immer noch geübt. Eine weit verbreitete Tuidi-Übung aus Okinawa ist das sogenannte „Kakie“ – taktile Flowdrills, die im Westen oft als „schiebende Hände“ bekannt ist (zum Nachlesen). In der Tat: untersucht man die alten Katas ganz genau, merkt man schließlich, dass die Bunkai dieser Techniken und Bewegungen in der Nahdistanz mehr Sinn machen als in einer großen Entfernung. Probier es selbst aus!

 

#9 Einzeltraining vor Massentraining

Wie du vielleicht bemerkt hast, gibt es im Okinawa Karate seine speziellen Eigenheiten. Um diese wirklich zu verstehen, musst du sie hautnah erleben. Im Grund genommen brauchst du also den persönlichen Unterricht von einem Sensei. Das ist der Grund, warum es schwer ist, Okinawa Karate in einer großen Gruppe zu unterrichten – man kann einfach nicht bei 50 Schülern oder mehr jedem Einzelnen die individuelle Aufmerksamkeit geben, die er braucht. Japanisches Karate, andererseits, war geradezu maßgeschneidert für große Gruppen. Warum? Weil genau das das Ziel war, als Karate Mitte des 20. Jahrhunderts an verschiedenen Universitäten rundum Tokyo, Osaka und Kyoto eingeführt wurde. Dieses Phänomen, zusammen mit den Wettkämpfen, ist die Ursache dafür, dass viele Bewegungen im japanischen Karate sehr viel ausholender und vereinfachter sind als im Okinawa Karate. Sie mussten von vielen Menschen gleichzeitig leicht zu sehen und nachzumachen sein. Im Okinawa Karate ist das Gegenteil der Fall.

Tatsächlich bietet ein durchschnittliches Dōjō auf Okinawa nur Platz für 10 bis 15 Menschen. Diese spärlichen räumlichen Gegebenheiten tragen dazu bei, dass die indiviuelle Betreuung dem Training von Massen vorgezogen wird (Hier kannst du mehr zum Karate-Training auf Okinawa lesen.) 

Traurig aber wahr: das ist der Grund, warum viele okinawanische Karatelehrer nicht vom Karate leben können. Sie haben zu wenig Platz für Schüler.

# 10 Uchinaa-guchi

Zuletzt noch etwas, dass dir beim Lesen dieses Artikels aufgefallen sein sollte: Okinawa Karate hat seine eigene Sprache: „Uchinaa-guchi” (wörtlich etwa: „Okinawa-Maul“).

Viele Begriffe aus dem Okinawa Karate, die ich verwendet habe – wie „chinkuchi” und „tuidi” – sind keine japanischen Wörter. Sie sind alte Begriffe aus der Okinawanischen Sprache. Weitere bekannte Wörter sind: Muchimi, Gamaku, Meotode, Chinkuchi, Machiwara, Ti, Shinshii, Toudi etc. […] Uchinaa-guchi wird auch heute noch von traditionellen Karatelehrern auf Okinawa gesprochen. Als ich zum Beispiel letzten Sommer nach Okinawa flog, lernte ich eine neue Kata: Tomari Chinto. Bei einer bestimmten Technik sagte mir mein Sensei, ich sollte eine Aufwärtsbewegung namens „hanchaatii” machen. Bitte was? Ich hatte keinen blassen Schimmer. Was meint er? Als er mir meine Verwirrung ansah, entschuldigte er sich kurz und sagte in einwandfreiem Japanisch: „Hana ageru.“ Jetzt verstand ich! Was ich damit zeigen möchte ist, dass Uchinaa-guchi sehr lebendig ist. Im japanischen Karate wird die Sprache allerdings nicht verwendet. Nur auf Okinawa.

Und mit diesen Worten beende ich diesen Text über zehn Unterschiede zwischen Okinawa Karate und japanischem Karate. Was denkst du? Natürlich sind das bloß Verallgemeinerungen, welche auf meinen persönlichen Beobachtungen basieren, die ich auf meinen Reisen nach und während meines Lebens in Okinawa und Japan gemacht habe.

Oh, da fällt mir ein: ich möchte noch einen 11. Unterschied erwähnen: Die Atmosphäre im Dōjō. In einem Dōjō auf Okinawa herrscht kein Klima der Angst. Dort ist niemand, der versucht, dir weh zu tun oder der dich dazu bringt, bis zum Umfallen zu trainieren. Ebensowenig wirst du dort einer „Der-Sensei-ist heilig“-Aura begegnen. Jeder ist dort ein Freund, man trainiert zusammen im Sinne des Karate. Das ist eine tolle Sache.

Natürlich kann die Geschwindigkeit, mit der auf Okinawa trainiert wird, verglichen mit dem „Töte-oder-stirb”-Tempo in japanischen Dōjōs, als langsam amuten, aber ich persönlich schiebe das auf die tropische Hitze.

 

Schließlich geht es darum, dass du das trainierst, was du liebst – ob das okinawanisch” oder „japanisch“ ist. Macht das Sinn?

 

Danke fürs Lesen, mein Freund ; -)