Andreas Quast: Shūshi no Kun 周氏の棍 - Historisches (Bojutsu Kata-Serie)

Aus dem Englischen „Shūshi no Kun (Bojutsu Kata Series) - History“ von Andreas Quast, 5. Mai 2016. Von Axel Heinrich

 

Wer einmal mit Okinawa Kobudō begonnen hat, wird um Shūshi no Kun 周氏の棍 nicht herumkommen. Man findet sie in vielen Kobudō-Richtungen; im Bōjutsu wird sie zumeist als erste Kata gelehrt. Shūshi 周氏 bedeutet „Herr Shū”; kon 棍 heißt „Stangenfechten“. Demzufolge steht die Bezeichnung Shūshi no Kon für „das Stangenfechten des Herrn Shū“. Nun, Shū is weder ein japanischer noch ein okinawanischer Name, sondern ein chinesischer, der genaugenommen „Zhōu" gesprochen wird. Shū ist einfach nur die japanische Lesart dieses Schriftzeichens.

 

Hokama (2001: 24) hielt zu Shū folgendes fest:

„Um das Jahr 1831 lebte der Bōjutsu-Lehrer Shū aus Shanghai am Rande des Sōgenji [-Tempels, A.H.] in Naha Asato. Shūji no Kon wurde von ihm auf Okinawa überliefert.”

 

Das heißt also, Shūshi no Kun beschreibt die Methoden des Fechtens mit einem Knüppel eines gewissen Herrn Shū, eines Einheimischen aus Shanghai, der sich auf Okinawa niederließ und dessen Kunst des Stangenfechtens auf Okinawa weitergegeben wurde. Das ist alles, was wir von Shū wissen.

Dennoch bekommen wir einen Eindruck, wie es zur Zeit des Herrn Shū auf Okinawa ausgesehen hat und von der Gegend, in der er gelebt hat.

 

Zu diesem Zweck veröffentliche ich eine Illustration des Sōgenji-Tempels in seiner voller Blüte, wie er einst ausgesehen haben muss. Die Abbildung stammt aus dem Nantō Kiji Gaihen von 1886. Darauf ist eine wunderschöne parkähnliche Landschaft mit einem Tempel zu sehen, der sich am Fluß Asato-gawa befindet und über den die Steinbrücke Sōgenji-bashi führt; außerdem erkennt man einige Menschen zu Fuß und zu Wasser.

Nur spaßeshalber: man sieht auf dem Bild auch verschiedene Personen, die Stangen verwenden: zum Tragen, als Stake zum Antreiben ihrer Boote oder zum Fischen.

Darstellung der Sogenji-Region in Tomari aus dem 19. Jh.
Darstellung der Sogenji-Region in Tomari aus dem 19. Jh.

Auch heute noch fließt der Asato-gawa dort entlang, parallel zur Monorail-Schwebebahn. Allerdings ist der Asato-gawa heute einige Meter weiter vom Sōgenji-Tempel entfernt als man aus den Größenverhältnissen auf der alten Abbildung schließen könnte. Höchstwahrscheinlich wurde er in ein künstliches Flußbett umgeleitet.

Zur Zeit des Ryūkyū-Königreiches diente der Sōgenji-Tempel als nationales Mausoleum, in dessen Haupthalle sich Gedenktafeln für jeden verstorbenen König befanden. Basierend auf einer dieser Steintafeln, gelang es Archäologen den Bau des Tempels auf die Zeit des Königs Shō Shin (1477-1562) zu datieren.

Bist das du, Herr Shū?
Bist das du, Herr Shū?

Das steinerne Tor war das erste Tor des Tempels und der einzige Teil des ursprünglichen Gebäudes, der bis heute erhalten geblieben ist. Die Haupthalle und alle übrigen Tempelgebäude wurden in der Schlacht um Okinawa im Jahr 1945 vollständig zerstört.

Abgesehen von dem bereits genannten Herrn Shū, könnte mit Shūshi 周氏 auch eine ganze Familie mit Namen Shū gemeint gewesen sein. Tatsächlich war der Shū-Clan 周姓ein offizielles Haus in Kumemura mit einer eigenen Abstammungsgeschichte. Dabei handelt es sich um die so genannten „36 Familien“ und das sollte ein interessanter Gegenstand für weitere Untersuchungen sein.

Da es bisher ohne weiteres keine Informationen hierzu gibt, müssten zunächst einmal Daten über den Clan der Shū gesammelt werden, über die Häuser, die dazu gehörten, die typischen Aufgaben der Familienmitglieder und weitere Informationen.

[Alle Darstellungen mit freundlicher Genehmigung von Andreas Quast.]