Jesse Enkamp: Warum Kobudo nie so beliebt geworden ist

Aus dem Englischen „The Secret to Why Kobudo never became popular.“ von Jesse Enkamp. 2009 (ohne Datum).

Von Axel Heinrich

 

Seit Karate zu Beginn des 20. Jahrhunderts modernisiert (und anschließend populärer) geworden ist, hat es sich in beinahe jeden Teil der Welt verbreitet: vom Ost nach West, von Nord nach Süd. Ich habe sogar schon von einer Karateschule am Nordpol gehört. Deren Training besteht großteils darin, Eis zu zerschlagen. Nein, ich mache nur Spaß. Aber möglich wäre es doch. Angesichts der vielen Karateschulen überall, drängt sich mir die Frage auf: Warum ist Karate so bekannt und so verbreitet, nicht aber Kobudo?

Zieht man das Zitat eines Kobudo-Historikers in Betracht, „Karate und Kobudo sind wie Bruder und Schwester“, so sollten doch beide gleichermaßen populär sein. Warum sind Karate und Kobudo also so unterschiedlich populär? Warum wird Kobudo so wenig Beachtung geschenkt? Erst dachte, ich hätte auf diese Frage eine Antwort gefunden. Ich habe lange und intensiv darüber nachgedacht und bin dann auf fünf Theorien gekommen. Sie sind alle stichhaltig, aber dann sagte mir jemand den wahren Grund; den Punkt, auf den ich vorher nicht gekommen bin. Ich werde später darauf zu sprechen kommen, aber lasst uns zunächst einen Blick auf die fünf Gründe werfen, die mir eingefallen sind.

1. Kobudo ist schwer zu erlernen.

Grundsätzlich stimmt das und trifft besonders auf Menschen zu, die ihren Körper nicht kontrollieren können. Ich meine, wenn man schon Probleme hat ohne einen Gegenstand in den Händen Bewegungen auszuführen, dann ist dies mit einem Gegenstand mitunter zu viel für das Gehirn, das darauf mit Überforderung reagiert. Und wenn man denkt, mit einer Waffe Fortschritte gemacht zu haben, ist es Zeit mit der nächsten Waffe zu beginnen.

Komplizierte Dinge werden so schnell nicht populär.

 

2. Kobudo ist teuer

Für Karate braucht man einen Gi. Für Kobudo braucht es einen Gi… und eine Waffe. Und abhängig vom Fortschrittsgrad wird man mehr als eine Waffe benötigen. Als Kobudo-Schwarzgurt braucht man mit ziemlicher Sicherheit zwei Bo (einen für Kumite und einen für Kata), zwei Sai, zwei Tonfa, zwei Paar Nunchaku (eines mit Schaumstoff für Kumite und ein hölzernes für Kata), vier Kama (ein Paar aus Holz für Kumite und ein Paar aus Stahl für Kata), zwei Tekko, zwei Eiku (je eines für Kata bzw. Kumite) und mitunter sogar mehr. So ein Waffenarsenal gibt es nicht umsonst. Und wenn eine Waffe kaputt geht, muss man sich eine neue kaufen. Für jede Waffe braucht man zudem Schutzhüllen und Taschen…

Teure Dinge werden so schnell nicht populär.

3. Kobudo ist „nicht anstrengend genug“

So lautete die Antwort eines Schülers, der mit Kobudo aufhörte. Er hat sich nicht genug auspowern können. Offensichtlich hat er was falsch gemacht; weil Karate, wenn man alles gibt, niemals so hart sein kann wie Kobudo. Das lässt sich mit folgender Formel beweisen:

 

Körper + Gewicht in den Händen = körperlich anstrengender als Körper - Gewicht in den Händen

 

So einfach ist das. Du verstehst es, ich verstehe es. Und dennoch behaupten einige, Kobudo sei weniger fordernd für den Körper als Karate. Das ergibt einfach keinen Sinn (wie man anhand der Formel sehen kann), aber es gibt eben einfach Menschen, die das trotzdem sagen. Ich weiß auch warum. Weil nämlich diejenigen, die das behaupten, Techniken und Bewegungen nicht auf einem derartigen Niveau beherrschen, ohne sich selbst zu verletzen. Diese Menschen haben so viel Respekt vor der Waffe, dass sie deren Potential nicht zu hundert Prozent ausschöpfen können. Dann wird Kobudo kraftlos, langsam und langweilig. Es sei denn, man trainiert tatsächlich lange genug, um eine Waffe komplett zu beherrschen ohne seinen Hals zu riskieren.

Langes, hartes, wiederholtes Grundlagentraining wird so schnell nicht populär.

 

4. Kobudo ist etwas für Nerds

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Nerds sind oft das Gegenteil von dem, was man als „sportlich“ bezeichnen würde, oder etwa nicht? Und Kobudo ist kein Sport. Logischerweise ist Kobudo demnach etwas für Nerds, weil man im Kobudo nicht gegeneinander antreten kann. Wettkämpfe sind beliebt.

Nerds werden nicht populär.

5. Kobudo ist unpraktisch

„Eines Tages kam ich in ein Pub; als plötzlich dieser riiiiiesige Typ ausflippte und mir einen Schwinger verpassen wollte. Schnell wich ich zur Seite aus, zog meine Sai aus meiner hinteren Hosentasche und blockte seinen Angriff mit meiner linken Sai, die andere landete in seinem Hals. Er spukte Blut und starb noch an Ort und Stelle. Ich wischte das Blut von meinen Sai und bestellte mir ein Bier.“ Vielleicht aber auch nicht.

Viele Menschen glauben einfach nicht, dass Kobudo praktisch sei. Sicher, dem ist nichts entgegenzusetzen. Aber wenn man die Prinzipien hinter einer Kobudo-Waffe versteht, kann man fast alles Mögliche als Waffe verwenden: Schuhe, Geldbeutel, Taschen, Gürtel, Körbe, Stöcke, Gitarren und andere Dinge, die zufällig in der Gegend herumliegen. Die spezielle Gestalt von Kobudo-Waffen ermöglicht es, fast jeden Gegenstand, egal welcher Größe und Form, als Waffe zu benutzen. Aber viele Menschen wissen das nicht. Sie denken, man müsste immer eine Waffe mit sich herumtragen, statt sich die Umgebung zu Nutze zu machen.

Altmodische und offensichtlich unpraktische Dinge werden nicht populär.

 

Das wären die Gründe, auf die ich alleine gekommen bin. „Eine prima Sache“, dachte ich, „Jetzt kann ich darüber einen Artikel schreiben“. Bis mir der am Anfang zitierte Kobudo-Experte den wahren Grund nannte. Bist du bereit dafür? Hier ist er: Mit Karate verdient man mehr Geld als mit Kobudo.

Und es stimmt. Das wissen wir beide. Geld regiert die Welt. Mit Geld kauft man Autos, Flachbildfernseher und noch mehr Autos. Geld sorgt auch dafür, dass Essen auf deinen Tisch steht. Menschen wollen also freilich Geld.

Jetzt stell dir mal folgendes vor: Vor langer Zeit warst du ein Kobudo- und Karate-Meister auf Okinawa. Sagen wir, du möchtest Karate und Kobudo verbreiten, also ziehst du vom langweiligen Okinawa auf die moderne japanische Hauptinsel. Du findest ein schönes Gebäude,  kaufst es und machst ein Dojo daraus. Fünfzig Schüler finden Platz darin. Du bringst ein Schild an mit den Worten „Karate und Kobudo Dojo”. Zum ersten Training kommen fünfzig Schüler, weil sie von deinen unglaublichen Fähigkeiten gehört haben. Du sagst ihnen, sie könnten deinem Dojo gerne beitreten, und heute Abend wäre Kobudo an der Reihe. Du sagst ihnen, sie sollen einen Bo in die Hand nehmen. Jetzt begreifst du das Problem: Nur zehn Schüler können gleichzeitig einen Bo benutzen ohne sich gegenseitig in die Quere zu kommen. Du schaust zum Ausgang deines Dojos: vierzig Leute ziehen sich ihre Schuhe an und gehen nach Hause. Für sie ist nicht genug Platz zum Trainieren.

Vor diesem Hintergrund ist klar, warum Karate von alten Meistern vorgezogen wurde. Allen war Kobudo bekannt, das kannst du glauben. Aber mit fünfzig Schülern lässt sich nun mal mehr Geld verdienen als mit zehn. Und ganz gleich wie gerne du auch Kobudo unterrichten würdest, bist du zu folgendem Entschluss gekommen: Du brauchst etwas zu essen auf deinem Tisch. Karate sorgt dafür, Kobudo nicht. Vom Kobudo bekommst du nur Blasen. Also hörst du mit Kobudo auf und lehrst nur noch Karate. Die Schüler kommen zurück und dein Geldbeutel wird immer dicker. Das Essen steht auf deinem Tisch. Dein Auto steht draußen auf deinem Parkplatz und der Flachbildfernseher hängt im Wohnzimmer. Alles so, wie du es wolltest. Und genau das ist der Grund, warum Kobudo nie so beliebt geworden ist. Und es wahrscheinlich auch nie werden wird.