Andreas Quast: Merkmale des Tomari-te

Aus dem Englischen „The Characteristics of Tomari-te”  von Andreas Quast. 31.Juli 2016.

von Axel Heinrich

 

Anmerkung von A.H.: Diese Übersetzung wurde auf Anfrage von Andreas Quast dankenswerterweise von Motobu Naoki Sensei, Shihan des Motobu-ryu, authorisiert. Sie basiert auf dem englischen Text von Andreas Quast, dessen Artikel wiederum aus dem japanischen Original von Naoko Sensei stammt.

Merkmale des Tomari-te

Kürzlich verfasste ich einige Artikel über das Tomari-te und nachdem ich diese hochgeladen hatte, stieg die Zahl der Zugriffe merklich an. Sie nahmen sowohl in Japan als auch im Ausland zu. Verglichen mit dem Shuri-te und dem Naha-te ist das Tomari-te anscheinend noch nicht so gut bekannt und es scheint das Interesse derer zu wecken, die sich für die Geschichte des Karate interessieren.

Persönlich glaube ich, dass der Einfluss der „Modernisierung“, der das Shuri-te und das Naha-te begleitet hat, im Tomari-te gering war und es dort entsprechend noch Spuren des old-style-Karate gibt. 

In dem Buch „Short Biography of Matsumora Kōsaku, the Ancestor who Rejuvenated Karate (Tomari-te)“ von Matsumora Kōsaku Senseis Enkel Matsumura Kōshō, den ich in einem früheren Artikel vorgestellt habe, gibt es einen Abschnitt mit der Überschrift „Die Unterschiede zwischen den Positionen der Faust im Tomari-te und im Shuri-te“. Weil es sich dabei um eine kurze Textstelle handelt, erlaube ich mir, diese hier vollständig wiederzugeben (entnommen von Seite 45).

• Die Position der Faust

Im Tomari-te wird die (Hiki-te-]-Faust unterhalb der Brust ausgeführt. Im Shuri-te befindet sich die Faust in Gürtelhöhe.

 

• Tsuki und Uke

Verglichen mit dem Shuri-te und dem Naha-te, werden Fauststoß- und Abwehrtechniken im Tomari-te etwas höher angebracht.

 

• Die Schulterposition

Während die Definition „wie ein Wassertropfen, der von einer Schulter bis zum Ende der Hand fließt” die gleiche ist, werden die Schultern im Tomari-te etwas höher gezogen als im Shuri-te und im Naha-te.

Neulich wurde ich von dem deutschen Karate-Forscher Andreas Quast, der für diesen Blog freundlicherweise Artikel übersetzt, zu dieser Textstelle befragt. Obwohl ich generell den Merkmalen des Tomari-te, wie sie oben aufgeführt sind, zustimme, sind die nicht auf diese Stilrichtung beschränkt. Ich denke eher, dass sie allgemeine Kennzeichen des old-style Karate waren.

Da Matsumura Kōshō den Text im Jahr 1970 geschrieben hat, scheint sich der Begriff „Shuri-te” in dem Vergleich oben auf das moderne Shuri-te des Itosu Ankō Sensei und später zu beziehen.

Kurz gesagt, gab es deutliche Unterschieden zwischen dem Shuri-te des Matsumura Sōkon Sensei und dem Shuri-te des Itosu Ankō Sensei, wie ich bereits an anderer Stelle in „Der Wandel der Naihanchi“ beschrieb. So zum Beispiel gibt es im Shuri-te, und im Naha-te der nicht-Itosu-Linie und ansonsten in den Shuri-Te-Linien von Itosus früheren Schülern, eine Tendenz, die Hiki-te-Hand unter der Brust (in Höhe der Brustwarzen) zu platzieren; das ist eine vergleichsweise hohe Stelle.

Bezogen auf das Motobu-ryū kann man sagen, dass sowohl im Motobu Kenpō als auch im Motobu Udundī die Hiki-te-Faust oben angesetzt wird.

http://ameblo.jp/motoburyu/image-12185807650-13709902905.html
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Im Motobu Kenpō und im Motobu Udundī werden die Fauststöße gefühlsmäßig mit einer stoßenden Aufwärtsbewegung ausgeführt. Beim Rundtischgespräch des Ryukyu Shimpō im Jahr 1936 sagte Motobu Chōki dazu:

„Derzeit beobachte ich, dass die Faust (tsuki) in einer Abwärtsbewegung nach vorne geht, etwa als würde Wasser den Arm hinabfließen. Vor langer Zeit aber gab es solch eine Technik (te) überhaupt nicht. Offen gesagt, und ganz im Gegensatz dazu, war dies eine stoßende Bewegung, die nach oben führte. Man nimmt an, dass dies seinen Ursprung bei Matsumura aus Shuri hat.“

In diesem Zitat sagt Motobu Chōki, dass Matsumura Sensei (old-style Shuri-te) die Technik ebenfalls genauso (mit einem Gefühl des Aufwärtsstoßens) ausführte; sie war demnach also nicht auf das Tomari-te beschränkt.

Ich denke, dass der Wandel von Tsuki und Uke von Jōdan nach Chūdan zusammenhängt mit der Aufnahme des Karate in den Schulunterricht – und aus Gründen der Sicherheit erfolgte. Sprich, weil Fauststöße zum Gesicht unter Sicherheitsaspekten im Schulkarate nicht benutzt wurden, denke ich, wurden Uke-Techniken zwangsläufig zur Körpermitte hin verlagert. Andererseits, weil Tomari-te nicht in die Schulcurricula aufgenommen wurde, war es für sich genommen nicht von einer „Verschulport-lichung“ (Modernisierung) betroffen.

[Darstellung mit freundlicher Genehmigung von Motobu Naoki Sensei, Shihan des Motobu-ryu.]