Teyaku: Ulf Karlsson - Pinan Kata und die Katzenfuß-Stellung (Nekoashi)

Aus dem Englischen „Pinan and Cat stance”  von Ulf Karlsson. 5. Dezember 2016.

Von Axel Heinrich

 

Anmerkung: Diese Übersetzung wurde dankenswerterweise von Motobu Naoki Sensei, Shihan des Motobu-ryu, authorisiert. Sie basiert auf dem englischen Text von Ulf Karlsson, dessen Artikel wiederum aus dem japanischen Original von Naoki Sensei stammt.

Sōke [Motobu Chōsei] begann das Karate-Training bei seinem Vater Motobu Chōki im Alter von ungefähr 13 Jahren in Ōsaka. Als sein Vater Chōki nach Tōkyō ging, trainierte er mit Jugendlichen aus der Nachbarschaft. Weil Motobu Chōkis Familie in Ōsaka bleiben musste, reiste er zwischen Ōsaka und Tōkyō hin und her. In seiner Nachbarschaft in Ōsaka lebten viele Menschen, die ursprünglich aus Okinawa stammten. Unter ihnen waren nicht wenige aus den Ryūkyū-Adelsklassen der Udun und der Tunchi. Damals gehörte es für diese Klassen zum guten Ton, Karate, Tänze von den Ryūkyū-Inseln sowie andere darstellende Künste, die als „Errungenschaft der Shizoku“ galten, zu lernen. Ihre Kinder trafen sich auf freien Plätzen in der Nachbarschaft um gemeinsam Karate zu trainieren.

Dort trainierte auch Sōke mit Gleichaltrigen, aber auch mit Jungen, die zwei oder drei Jahre älter waren, und lernte eine Pinan(-Kata) von jemanden, an dessen Namen er sich heute nicht mehr erinnern kann. Als Motobu Chōki aus Tōkyō zurückkehrte, sagte Sōke zu ihm: „Vater, ich habe die Kata Pinan gelernt. Schau sie dir doch bitte an!“, und führte sie seinem Vater vor. Sōke dachte, mit seinem kindlichen Verstand, sein Vater würde von ihm gerne die neue Kata sehen wollen. Während Motobu Chōki die kurze Vorführung sieht, verschlechtert sich seine Stimmung zusehends, bis er in strengem Ton sagt: „In der Kampfkunst der Motobu(-Familie) zieht man die Hüfte nicht zurück. Kampfkünste sollten niemals die Hüfte zurücknehmen!“

Die Pinan Kata sind weit verbreitet und für ihre vielen Katzen-Stellungen (Nekoashi) bekannt. Motobu Chōki fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, seinen Sohn die Pinan Kata üben zu sehen, ohne dass dieser die Hintergründe des Motobu Kenpo kannte und deshalb die Katzenstellung verwendete. Motobu Chōki soll darauf folgendes gesagt haben:

„In meinem Karate gibt es keine Stände wie den Nekoashi (Katzen-Stand), Zenkutsu oder Kokutsu etc. Der sogenannte Katzen-Stand ist ein Beispiel für den „schwebenden Fuß“, der in den Kampfkünsten nicht sehr beliebt ist, weil man sehr schnell sein Gleichgewicht verlieren und umfallen kann, wenn man (von einem Schlag) getroffen wird. Zenkutsu und Kokutsu sind ebenfalls unterlegen; sie schränken die Bewegung der Beine zu sehr ein. In meinem Karate gibt es in Kata und Kumite die gleiche Stellung, sie ist vergleichbar mit dem Stand in der Naifanchi (Naihanchi). In diesem Stand, mit den Knien leicht gebeugt, kann man sich frei bewegen. Bei einer Abwehr oder der Verteidigung drückt man die Knie durch und senkt die Hüfte ab. Das Gewicht ist auf beiden Beinen gleich verteilt, und lastet weder auf dem Vorder- noch auf dem Hinterfuß.“

Ukiashi Neko Ashi Dachi Pinan Kata Shorin Ryu
rechts: Ukiashi („schwebende Stellung”)

Ich denke, im klassischen Karate, wie es Motobu Chōki kannte, gab es nicht so viele Nekoashi-Stellungen. Allerdings haben sich mit der Entwicklung der Pinan Kata von Itosu Ankō Sensei die Stellungen Nekoashi und Zenkutsu weit verbreitet und somit haben sich auch die Standard-Stellungen im Karate seitdem verändert. Ich glaube, Motobu Chōki war angesichts dieser Veränderungen hin zu einer „Modernisierung des Karate“ sichtlich irritiert.

Nebenbei: diese Begebenheit veranlasste Sōke dazu, die Pinan nicht mehr weiter zu üben. Bis heute hat er diese Kata völlig vergessen. Es scheint, dass die Pinan Kata, die er lernte, entweder Pinan Shodan oder Pinan Nidan gewesen war, aber daran kann er sich nicht erinnern.

Anmerkungen des Übersetzers Ulf Karlsson:

  • „Sōke“ (宗家) bedeutet „Familienoberhaupt”; in den Kampfkünsten ist damit der Kopf einer Organisation oder einer Kunst gemeint. Gegenwärtig ist Motobu Chōsei Sōke des Motobu ryu.
  • „Ryūkyū-Adel” wird für die Shizoku-Klasse (士族) des Ryūkyū-Königreichs verwendet.
  • Die wörtliche Rede vom Motobu Chōki stammt von Nakata Mizuhiko und wurde 1978 veröffentlicht.
  • Die Bezeichnung „schwebende Stellung“ (浮き足Ukiashi) wurde durch Miyamoto Musashis Buch „Gorin no Sho” bekannt. Ukiashi ist eine wenig stabile Stellung oder ein zaghafter Schritt, der nicht in der Erde verwurzelt ist. Ukiashi ist einer der „drei Fußbewegungen, die es zu vermeiden gilt“ (三つの嫌い).

[Darstellung mit freundlicher Genehmigung von Motobu Naoki Sensei, Shihan des Motobu-ryu.]