Teyaku: Andreas Quast - Karate und der Schwebende Fuß (Ukiashi)

Aus dem Englischen „Karate and the Floating Foot (Ukiashi 浮き足)" von Andreas Quast.

13. Dezember 2017.

Von Axel Heinrich

„Schwebender Fuß“ – so lautet die wörtliche Übersetzung aus dem Japanischen (ukiashi 浮き足). Der Begriff bezieht sich sowohl auf einen zaghaften Schritt als auch auf das Stehen auf den Fußspitzen und auch darauf, bereit zu sein, schnell die Flucht ergreifen zu können und – im übertragenen Sinn – auf große Schwankungen an den Finanzmärkten. Dabei ist ein Fuß nicht fest mit dem Boden verbunden. Der Ausdruck ist in den japanischen Kampfkünsten durch Miyamoto Musashi (1584–1645) bekannt geworden, der ihn als eine der „drei Fußstellungen, die es zu vermeiden gilt“ beschreibt: 

„Bei dieser Art der Fußstellung hebt man die Zehen ein wenig an und tritt kräftig mit der Ferse auf. Je nach Situation ist die Bewegung mitunter groß oder klein, langsam oder schnell. Allerdings sollte man sich so bewegen als würde man normal gehen. Zu den drei Dingen, die man vermeiden sollte, gehören: 1. während des Springens einen Schritt zu machen, 2. den Fuß schweben zu lassen (ukiashi 浮き足) und 3. einen Schritt mit gesenkter Hüfte zu machen.

Eine wichtige Sache, die in der Kriegskunst gelehrt wird, ist der sogenannte „Yin- und Yang-Fuß”, der auch im Niten Ichi Ryū eine wichtige Rolle spielt. „Yin- und Yang-Fuß“ bedeutet, dass man nie nur einen Fuß allein bewegen soll. Macht man einen Schnitt oder zieht man das Schwert oder empfängt (blockt) einen Schwertschlag, bewegt man sich rechts-links-rechts-links, ganz so als würde man sich zwischen den beiden Polen Yin und Yang hin- und herbewegen. Auf die Gefahr hin, dass ich mich erneut wiederhole: Bewege dich nicht mit nur einem Fuß in die Zentrallinie hinein. Es ist wichtig, darauf zu achten!”

 

Aus: Miyamoto Musashi, The Book of Five Rings – The Book of Water,

Section 5: The Use of the Feet. (Übersetzung ins Englische von Andreas Quast).

Im Karate wird ukiashi mit der Katzenfußstellung (nekoashi) verglichen, die im modernen Karate generell sehr weit verbreitet ist. Dies wird in den folgenden Worten von Motobu Chōki deutlich:

„In meinem Karate gibt es keine Stände wie den Nekoashi (Katzen-Stand), Zenkutsu oder Kokutsu etc. Der sogenannte Katzen-Stand ist ein Beispiel für den „schwebenden Fuß“, der in den Kampfkünsten nicht sehr beliebt ist, weil man sehr schnell sein Gleichgewicht verlieren und umfallen kann, wenn man (von einem Schlag) getroffen wird. Zenkutsu und Kokutsu sind ebenfalls unterlegen; sie schränken die Bewegung der Beine zu sehr ein. In meinem Karate gibt es in Kata und Kumite die gleiche Stellung, sie ist vergleichbar mit dem Stand in der Naifanchi (Naihanchi). In diesem Stand, mit den Knien leicht gebeugt, kann man sich frei bewegen. Bei einer Abwehr oder der Verteidigung drückt man die Knie durch und senkt die Hüfte ab. Das Gewicht ist auf beiden Beinen gleich verteilt, und lastet weder auf dem Vorder- noch auf dem Hinterfuß.“

Aus: Nakata Mizuhiko, 1978

Motobu Chōki lernte das alte Karate von Meistern wie Matsumura Sōkon und Sakuma Pēchin aus Shuri sowie von Matsumora Kōsaku aus Tomari. Es ist daher fraglich, ob Katzenfußstellungen (nekoashi) damals so häufig verbreitet waren wie heute üblich. Stattdessen ist anzunehmen, dass Itosu Ankō, wie man anhand seiner Pinan Kata-Serie sehen kann, das häufige Auftreten der Katzenfußstellung (nekoashi) und der vorwärtsgerichteten Stellung (zenkutsu) eingeführt und somit neue Fußstellungen geschaffen hat. Zumindest muss man das für die prä-Itosu und die post-Itosu-Traditionen ernsthaft in Betracht ziehen.

Vor diesem Hintergrund ist auch der Blick in die Okinawa-Version des Bubishi sehr aufschlussreich: Von den 96 Partner-Techniken, die in 48 skizzierten Kampfszenen, 2 Personen pro Szene, dargestellt sind, gibt es nicht wenige, bei denen man eine Katzenfußstellung (nekoashi) erkennen kann. Bemerkenswert dabei ist, dass der Großteil der Techniken, die eben eine solche Stellung benutzen, als „Verlierer-Techniken“ bezeichnet werden. Aus diesem Grund liegt der Schluss nahe, dass die waffenlosen Kampfkünste Chinas im 18. und 19. Jahrhundert nicht viel Wert auf die Katzenfußstellung (nekoashi) oder auf das tiefe Absinken in der Hüfte unterstützt von nur einem Bein gelegt haben.

Andreas Quast Bubishi Ukiashi
Copyright: Andreas Quast, http://ryukyu-bugei.com/?p=7422

Über die Situation im alten Okinawa kann ich nichts sagen, aber heute können wir welche Theorien auch immer über die Anwendung der Katzenfußstellung (nekoashi) im Kampf aufstellen. Zum Beispiel zum Schutz des Unterleibes oder als eine Ausweichbewegung. Oder sie steht für einen Fußtritt mit dem Vorderfuß zu den kurzen Rippen im 60 Grad-Winkel. Oder die Stellung trainiert den Beckenboden. Oder sie sieht einfach nur toll aus. Oder, weil es KARATE ist!, darum.

Allerdings helfen uns diese Theorien weder zu verstehen, ob Itosu diese (statische) Katzenfußstellung (nekoashi) so massiv eingeführt hat oder nicht. Darüber hinaus sagen sie auch uns nicht, wie sehr sich diese Stellung im Nachhinein auf die Traditionen, die fast ausschließlich (z.B. Kobayashi-ryū) oder zum Großteil (z.B. Shitō-ryū durch Mabuni Kenwa) oder gar nicht (z.B. Gōjū-ryū, Uechi-ryū) direkt von Itosu beeinflusst worden sind, und schließlich sogar auf das Kobudō, ausgewirkt hat.

Anmerkung des Übersetzers A.H.: 

Die zitierten Überlieferungen von Nakata Mizuhiko erschienen 1978 in „Nakata Mizuhiko: Motobu Chōki Sensei Goroku“ sowie 1993 in „Konuma Tamotsu: Motobu Chōki Seiden – Ryūkyū Kenpō Karatejutsu Tatsujin“, neu veröffentlicht unter dem selben Namen im Jahr 2000 (Seiten 79-98). Mehr dazu bei Andreas Quast.