Teyaku: Ulf Karlsson - Vom Wandel der Naihanchi

Aus dem Englischen Transition of Naihanchi  von Ulf Karlsson. 30. Mai 2016.

Von Axel Heinrich

 

Anmerkung: Diese Übersetzung wurde dankenswerterweise von Motobu Naoki Sensei, Shihan des Motobu-ryu, authorisiert. Sie basiert auf dem englischen Text von Ulf Karlsson, dessen Artikel wiederum aus dem japanischen Original von Naoki Sensei stammt. Verlinkungen im Text wurden zum besseren Verständnis von mir hinzugefügt.

Die Kata Naihanchi ist eine der Basis-Kata im Karate. Seit Alters her sagt man „Kata beginnt mit Naihanchi und endet mit Naihanchi“ oder „Karate beginnt mit Naihanchi und endet mit Naihanchi.“ Daneben gibt es weitere Basis-Kata wie Seisan und Sanchin. Normalerweise bildet die Naihanchi im Shuri-Te und im Tomari-Te die Grundlage, während Sanchin im Naha-Te die Basis darstellt. Die Seisan findet man im Shuri-Te und im Naha-Te, allerdings in verschiedenen Varianten.

Mit einer solchen stereotypen Klassifizierung, die hauptsächlich nach 1897 (明治30年) Einzug in die Kampfkünste erhielt, muss man jedoch vorsichtig sein. Innerhalb der Abschaffung der feudalen Lehen und der Errichtung der Präfekturen wurde das Ryukyu-Königreich 1872 erst in das Ryukyu-Lehen umgewandelt, welches 1879 schließlich abgeschafft und in die Präfektur Okinawa überführt wurde. (Abschaffung der Han) verboten.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde die  Naihanchi im Kojo ryu (湖城流) und Naha-Te schon geübt, bevor die Sanchin ins Shurite Einzug erhielt. Man sollte also Vorsicht walten lassen mit der Behauptung, im Shuri-Te und im Naha-Te habe es bis zur bzw. während der Meiji-Periode (1868-1912) keine Naihanchi im Karate (唐手) gegeben.

 

 

Auf den Abbildungen (rechts) sieht man Schüler von Itosu Ankō beim Üben der Naihanchi. Darauf sind ganz deutlich die individuellen Präferenzen bei der jeweiligen Ausführung zu erkennen.

 

Beispielsweise bei den Stellungen: Yabu Kentsū (1. Bild, Mitte oben) und Tōyama Kanken (4. Bild links unten) haben die Knie geöffnet; die Zehen zeigen nach außen (Soto Hachiji 外八字) oder sind parallel (Heikō 平行). Zum Vergleich: bei Chibana Chōshin (5. Bild rechts unten) sind die Knie und Zehen nach innen gerichtet (Uchi hachiji 内八字).

 

Betrachtet man die vordere Hand, fällt sofort auf, dass die Handinnenseite - außer bei Chibana Chōshin - nach vorne zeigt, während sie einen Haishu Uchi (Handrückenschlag) ausführt (1). Chibana Chōshin dagegen macht einen Haito Uke, bei dem die Hand nach oben zeigt.

Woher kommen diese Unterschiede?

Yabu Kentsū und Motobu Chōki waren direkte Schüler von Matsumura Sōkon und Itosu. Funakoshi lernte bei Asato Ankō, einem Schüler Matsumuras. Tōyama war kein Schüler Matsumuras, jedoch war er Yabus Assistent an der Okinawa Prefecture Normal School und wurde dadurch stark von ihm geprägt. Mit anderen Worten: sie alle wurden maßgeblich von der Naihanchi zur der Zeit Matsumuras beeinflusst.

Andererseits hat Chibana Itosus Naihanchi nahezu unverfälscht erhalten. Die Naihanchi von Mabuni Kenwas Shito Ryu ist der Naihanchi von Chibana sehr ähnlich. Da die „Naihanchi von Itosu“ noch vor dem Krieg auf Okinawa in die Schulen übernommen wurde, verbreitete sie sich schnell und wurde schließlich zum Standard des Shurite auf Okinawa.

Warum aber veränderte Itosu die Naihanchi von Matsumura?

Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass Itosu – weil er zusätzlich zu Matsumura noch intensiv bei „Samurai” Nagahama in Naha trainierte – eventuell den für das Naha-Te typischen Sanchin Dachi in die Naihanchi übernommen haben könnte. Da Yabu gesagt haben soll, Itosus Kampfkunst bestehe zu „6 Teilen aus Naha und 4 Teilen aus Shuri“, war der Einfluss des Naha-Te möglicherweise ein Anlass, Veränderungen in der Naihanchi vorzunehmen. Die Änderungen waren in Matsumuras Augen indes nicht gerade beliebt. Dieser soll, so schreibt Motobu Chōki in seinem Buch „My Karate Jutsu“ (1932), Itosus Stellung in der Naihanchi als „kleine Schildkröte“ (Kamiguwagata) bezeichnet haben.

„Itosu's ‘Kleine-Schildröten-Form’ (Stellung) ist, wenn sie in einem realistischen Kampf angewendet wird, extrem gefährlich; man würde (dadurch) umgehend vernichtet werden."

「糸洲の亀小型では、実際立合う場合には、すこぶる危険で、すぐ倒されてしまう」

Itosu veränderte die Naihanchi der Matsumura-Ära. Während Itosus Zeit gab es große Veränderungen, in einigen Fällen sogar um 180 Grad. Diese Tatsache sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man sich mit der Geschichte des Karate beschäftigt. Stellungen gehören zur Basis im Karate. Fakt ist, dass es bei den Stellungen große Veränderungen gegeben hat, die wesentlich die Methoden und Strukturen des Karate Jutsu verändert haben – in dem Fall des Shuri-Te.

Anmerkungen:

(1): Einige Stile interpretieren diese Technik auch als eine „aufnehmende“ Technik: Haishu Uke.

[Darstellung mit freundlicher Genehmigung von Motobu Naoki Sensei, Shihan des Motobu-ryu.]