Teyaku: Andreas Quast - Eine Urform der Naihanchi?

Aus dem Englischen „A prototype of Naihanchi?”  von Andreas Quast17.März 2018.

Von Axel Heinrich

 

Anmerkung: Diese Übersetzung wurde dankenswerterweise von Motobu Naoki Sensei, Shihan des Motobu-ryu, authorisiert. Sie basiert auf dem englischen Text von Andreas Quast, dessen Artikel wiederum aus dem japanischen Original von Naoki Sensei stammt. Verlinkungen im Text wurden zum besseren Verständnis von mir hinzugefügt.

Neben der kata Tomaikun hinterließ Motobu Chōmo (1890-1945, Chōyūs zweiter Sohn), den ich vergangene Woche in einem Artikel vorstellte, einige weitere kata. Vor dem Krieg verlegte Chōmo seinen Lebensmittelpunkt von Ōsaka nach Wakayama, anschließend zog es ihn zu den Südsee-Inseln, bevor er kurz vor Ende des Krieges nach Ōsaka zurückkehrte, wo er während eines Luftangriffes starb. Uchima An'ichi, Onkel des vormals vorgestellten Uchima Anyū, trainierte während seines Aufenthaltes in der Südsee mit Chōmo, wodurch kata von Chōmo überliefert worden sind.

 Motobu Chōmo
Motobu Chōmo

Unter diesen kata war auch die Naihanchi; die für sich genommen ziemlich einzigartig und für Karatehistoriker sehr interessant ist. Einen Teil davon stelle ich in dem folgenden Video vor:

In dem Video sieht man, dass auf den „seitlichen Krebsgang“ ein nami-gaeshi folgt. Der beidhändige Fauststoß (morote-zuki) zur Seite wird in dieser Version der Naihanchi mit durchgestreckten Ellenbogen ausgeführt, statt dass – wie sonst üblich – mit einem Arm ein Haken (kagi-zuki) geschlagen wird. Nami-gaeshi wird normalerweise gleichzeitig mit dem yoko-uke nach links und rechts ausgefürt, dass aber nami-gaeshi während des seitlichen Gehens gemacht wird, ist für Naihanchi ungewöhnlich.

Wenn ich mir diesen Teil genauer ansehe, stelle ich mir die Frage, ob es sich dabei nicht um eine Urform der Naihanchi handeln könnte. Die Naihanchi des Isshin-ryū beinhaltet ebenfalls viel nami-gaeshi, auch wenn diese Technik an anderen Stellen ausgeführt wird.

Die Naihanchi des Motobu Chōmo wurde 1961 bei der Kobudō- und Kampfkunst-Vorführung (Kobudō Martial Arts Demonstration), gesponsored durch die Okinawa Kobudō Kyōkai, aufgeführt und anschließend in einem Zeitungsartikel vorgestellt, welcher berichtet, dass es sich dabei um eine Urform dieser kata handeln könnte:

Uchima Anyū (23 Jahre alt)

Naihanchi

 

„Uchima-san, im Jahr 1938 im Distrikt Kita von Minami-Daitōjima geboren, ist der Einzige, der bei dieser Vorführung auftritt, der von den entlegenen Inseln (Minami-Daitōjima) kommt. Er kam am 4. Tag dieses Monats nach Naha und wartet im Haus von Higa (Seitoku), Vorsitzender dieser Vereinigung, auf die Vorführung. Als Jüngster dieser Vorführung wird er Naihanchi zeigen. Obwohl sich Uchima-sans Naihanchi von der gleichnamigen Kata der Hauptinsel (Okinawa) unterscheidet, dachte ich, als ich sie sah, dass es sich dabei um eine unveränderte Urform der Naihanchi handeln könnte. Uchima-san erhielt Unterricht (in dieser Form der Naihanchi) bei seinem Onkel An'ichi, der vor dem 2. Weltkrieg mit Motobu Chōyū's Sohn Torajū (Spitzname von Motobu Chōmo) Karate lernte, während sie auf den Südsee-Inseln in einem Haus lebten."

 

Aus: Okinawa Taimusu, 26. November 1961. 

Damals vertrat Higa Seitoku sensei, zu dieser Zeit Vorsitzender der Okinawa Kobudō Kyōkai, die Ansicht, dies sei die Naihanchi von Matsumura SōkonMotobu Chōki verwies jedoch darauf, dass Matsumura sensei seinen Ellenbogen beim Haken (kagi-zuki) durchstrecke – und keinen beidhändigen Stoß mache, sondern einen einzelnen kagi-zuki [wie im Foto oben zu sehen ist] – und dass aber in der Naihanchi von  Chōmo der Ellbogen nicht gestreckt sei. Wenn es sich also nicht um eine unveränderte Form der Matsumura no Naihanchi handelt, könnte es sich nicht vielleicht um eine alte Variante der Naihanchi aus der selben Zeit [des Matsumura] oder früher handeln?

Der Zeitungsartikel oben spricht davon, dass die Naihanchi von Motobu Chōyū weiter-gegeben worden ist. Dies scheint sehr plausibel, da die kata von Chōkis Naihanchi abweicht. Uehara sensei sagte „Chōyū sensei kannte ungefähr 30 kata" und [dass es] „zu dieser Zeit niemanden [gab], der ein vergleichbares Wissen über die Kampfkünste hatte, wie Chōyū sensei.“

Außerdem denke ich mir, wenn ich diese Naihanchi ansehe, dass Chōyū sensei nicht nur eine gewisse Zahl an kata gekannt, sondern auch, dass er mit einer beträchtlichen Anzahl klassischer alter kata vertraut gewesen sein muss, die den Urformen sehr ähnlich gewesen sein müssen. Einige dieser kata fanden durch den Verein zur Erforschung des Okinawa Karate (Motobu no Sōchin) Verbreitung in andere Schulen.

Uchima Anyū sagte mir, dass es sich bei Tomaikun (die ich vor kurzem hier vorgestellt habe) um eine kata aus der Familientradition der Motobu Udun handeln könne und ich frage mich, ob das gleiche auch auf diese Form der Naihanchi zutrifft.

Verschiedene Naihanchi, die aus der Matsumura-Linie stammen sollen, wurden überliefert, aber diese unterscheiden sich alle von Chōmos Version. Wenn das stimmt, warum hat das Motobu Udun solche alten kata bewahrt?

Uehara sensei nahm an, dass „die Motobu Udun eine Familie mit einem sozialen Status [waren], der vergleichbar mit dem Rang der Kampfkunstlehrer der Königlichen Familie gewesen war“ und „es scheint, dass sie mit einem speziellen Auftrag im Hinblick auf die Kampfkünste versehen worden sind.“

Da kein Stammbaum erhalten geblieben ist, kann ich nicht sagen, ob das Oberhaupt der Motobu Udun ein Bediensteter (kinju) oder ein Wächter (yakā) des Königs und seines Thronfolgers gewesen war, mit Sicherheit kann man aber sagen, dass er sich besonders für Kampfkünste begeistert hat.

[Darstellungen mit freundlicher Genehmigung von Motobu Naoki Sensei, Shihan des Motobu-ryu.]