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温故知新

 

Geschichte des Okinawa Karate  沖縄空手道


Zur Geschichte des Okinawa Karate gibt es viele Mutmaßungen, Mythen und Theorien. Unzählige Quellen und Überlieferungen, die Klarheit schaffen könnten, sind im Laufe der Jahrhunderte in vielen Kriegen zerstört worden. Auch wurden - und auch heute noch werden - viele Einzelheiten eines Stils nur mündlich vom Lehrer zum ältesten Schüler weitergegeben, sodass es oft an schriftlichen Belegen fehlt(e).

 

 

 

Im DJKB-Magazin Nr. 01-2014 wurde in der Vergangenheit folgender lesenswerter Überblick über die Geschichte des Karate veröffentlicht*:

 

Die Wurzeln des Karate liegen weit zurück. Zwischen Japan und China gab es bereits in den Jahren 607 bis 894 einen regelmäßigen Schiffsverkehr. Über die Handelsrouten wurden auch Studenten von Japan nach China und Mönche von China nach Japan geschickt. Durch diesen Austausch wurden Literatur, Religion und verschiedene Lebensarten nach Japan übertragen. Man vermutet, dass einige der nach Japan geschickten Mönche, die unter anderem auch die chinesische Medizin und Chemie beherrschten, den Faustkampf von China nach Japan brachten.

Dieser Studienaustausch wurde 894 wegen politischer Unruhen in China und wegen der Piraten vor der Küste aufgehoben. Später wurden die Beziehungen wieder aufgenommen. Einen großen Impuls kam mit dem Chinesen Chin Genbin (in chinesischer Transkription Ch'en Yuan-pin), der 1619 nach Nagasaki kam, um Malen und Keramik zu lehren. Er siedelte später nach Tokio um, lebte im Tempel Kokusho in Shiba. Von ihm lernten die Japaner Nagatoya, Fukuno, Miura und Isogai den chinesischen Faustkampf und gründeten später eigene Schulen. Nagatoya beispielsweise gründete „Gen-bin-ryu“. Fukuno Masakatsu Shichoroemon, der bereits unter dem Kenjutsu-Meister Muneyoshi gelernt hatte (Kenjutsu ist die Schwertkunst des feudalen Japans, Vorgänger des Kendo), nannte sein Jujutsu-System „Kito-ryu“, was als Ursprungsstil des Judo angesehen wird. Man kann also feststellen, dass schon früh chinesische Kampfarten über die Handelsrouten auf die japanischen Hauptinseln  kamen. Daraus entwickelte sich später Jujutsu.

 

Südinselroute nach Okinawa

Eine weitere Handelsroute verlief zwischen dem chinesischen Festland und der japanischen Insel Okinawa, Südinselroute genannt. Okinawa war der Mittelpunkt des so genannten Ryukyu-Kaiserreiches, das die Inseln südlich der japanischen Hauptinseln umfasste. Bereits im 14. Jahrhundert entsandte der erste Kaiser der Ming-Dynastie Kaiser Taizu (auch: Kaiser Hongwu, 1328-1398) chinesische Botschafter und Geschenke an den König von Okinawa. Der wiederum schickte Botschafter und Geschenke nach China, was sich regelmäßig wiederholte. Für Okinawas Herrscher war die chinesische Hochkultur erstrebenswerter als die japanische, da sie weiter entwickelt war.

Es kam zu Handelsbeziehungen, von denen Okinawa sehr profiierte. Im Zuge dessen wurden Studenten von Okinawa nach China geschickt und Chinesen siedelten nach Okinawa um. Der Verkehr mit China begann 1372 und dauerte 500 Jahre, bis 1874. Nach der Meiji-Restauration kamen alle Teilreiche unter die Führung des japanischen Kaisers, auch Okinawa wurde ein Teil Japans. In dieser Zeit bestand die chinesische Politik darin, kleine Länder für sich zu gewinnen. Erreichte ein Schiff von Okinawa den Hafen in China, wurde die Besatzung in einer für sie eingerichteten Ryukyu-Halle wie Staatsgäste empfangen und beherbergt, auf Kosten von China. Eine Delegation reiste in die Hauptstadt Peking, um Geschenke zu überreichen: Schwefel von der Torishima Insel, aus Satsuma beschaffter Zinn, Schwerter und Pferde. Im Gegenzug bekamen sie Seide, Porzellan und Eisenprodukte wie Kochtöpfe, die in Okinawa sehr begehrt waren. Unterdessen verkaufte das Personal in der Ryukyu-Halle die transportierte Fracht und erwarb wiederum chinesische Waren für den heimischen Markt. Wie eng die Beziehungen zwischen China und dem Ryukyu-Reich waren, zeigt auch die Krönung des Königs Sho Hashi (1371-1439), zu der chinesische Botschafter mit 200 Soldaten anreisten und bis zu 9 Monaten auf Okinawa blieben. Chinesische Delegationen zu Krönungsfeiern oder Beerdigungen waren aber auch noch stärker, hatten bis zu 500 Mann. Sie wurden zu einer so großen Belastung für das vergleichsweise arme Okinawa, so dass der Tod eines Herrschers auch verschwiegen wurde. Chinesische Umsiedler zogen hauptsächlich in ein Dorf, das sie Kuninda (das heutige Kumemura) nannten. Dort residierten auch chinesische Gelehrte, deren Aufgabe es war, die chinesische Schrift zu verbreiten – durch den Handel entstand viel Schriftverkehr in chinesischer Sprache, die in Okinawa kaum jemand beherrschte. Die chinesischen Gelehrten dienten dem Kaiser von Okinawa auch als Ratgeber, sie arbeiteten als Dolmetscher und Korrespondenzschreiber.

Die herrschende Klasse auf Okinawa konzentrierte sich auf die Orte Shuri, Naha, Tomari und Kuninda. Shuri war Hauptstadt mit König, Fürsten und Gefolge, dort wurde die zentrale Regierung aufgebaut. Nach Naha zogen die mit Handel beschäftigten Kauflute. In Tomari waren Behörden, insbesondere die Steuerbehörde, untergebracht. Eine schwere Belastung war für Okinawa die japanische Eroberung durch Shimazu, dem Fürsten des japanischen Satsuma. Schon König Sho Shin (1447-1526) hatte die Fürsten von Okinawa und ihre Gefolgsleute entwaffnet, um sich vor Machtkämpfen zu schützen. Allerdings war nur das Tragen von Waffen wie Rüstung, Speer, Stock und Schwert eingeschränkt. Die Waffen wurden lediglich in Lager gestellt, damit man sich in Krisenzeiten jederzeit wieder bewaffnen konnte. Auch nach der Eroberung durch Shimazu und der kompletten Unterwerfung Okinawas 1609 war das Tragen von Waffen eingeschränkt – allerdings waren König, Fürsten und hohe Staatsdiener von der Regel ausgenommen. Die Waffen wurden auch nicht beschlagnahmt oder verboten. Einen Einfluss auf die Handelsbeziehungen zu China hatte die Herrschaft des Shimazu-Clans nicht.

Manche Geschichtsschreiber sehen in Erlassen, die das Tragen von Waffen auf Okinawa regelten, den Grund für die Entwicklung der Kampfkünste. Das gilt sowohl für das Te oder Tōde genannte Kampfsystem ohne Waffen, als auch für die Benutzung landwirtschaftlicher Geräte und alltäglicher Gegenstände im Kobujutsu (Kobudō). Es kann aber ebenso davon ausgegangen werden, dass Karate nicht durch Verordnungen entstand, sondern durch die engen Beziehungen mit China und dem dabei stattgefundenen Kulturaustausch und der Stabilisierung der politischen Systeme in der Zeit vom 14. bis zum 18. Jahrhundert.

 

Von Okinawa nach Japan

Mit den chinesischen Delegationen kamen auch Militärs, Sicherheitsspezialisten und Kampfkunstmeister im Quan-fa (auch: Gong-fu, Kung-fu, Ken-fat, Kempo) nach Okinawa. Und je nachdem, welche Person in welchen Ort kam, wurden unterschiedliche Kampfsysteme überliefert. Ein chinesischer Botschafter Sappushi Wanshu übertrug seine Kata-Form in Tomari – die Kata ist unter Wanshu oder Enpi bekannt. Sie wurde nur in Tomari überliefert. Ein anderer Botschafter Ku-shan-ku brachte eine andere Kata, die als Kanku überliefert wurde. Ebenso zog es Bewohner aus Okinawa nach China. Von 1735 bis 1815 lehrt beispielsweise Sakugawa aus Shuri die Kampfkunst Tode, die er zuvor in China gelernt hatte. In Naha etwa lebten Kaufleute und andere, die mit Handel beschäftigt waren – dort setzte sich das aus Südchina stammende Süd-Te durch. In Shuri lebten Kontaktpersonen der Staatsdiener, die in Kontakt mit der Regierung in Peking waren. Folglich setzte sich in Shuri das Nord-Te aus Nordchina durch. Die unterschiedlichen Arten der Kampfkunst auf Okinawa wurden nun einfach nach den Ortsnamen benannt: Naha-Te, Shuri-Te, Tomari-Te. Vorwiegend wurde in den Städten die Oberschicht ausgebildet.

Aber auch andere Kampfkünste hatten ihren Platz. Matsumura Sokon (1809-1898) aus Shuri lernte Kendo in Satsuma, auf der japanischen Hauptinsel Kyushu. Er reiste aber auch zwei Mal nach China, um dort die Kampfkunst zu erlernen. Zurück in Okinawa hatte er mehrere Schüler, unter ihnen war Itosu Yasutsune (1832-1908), auch „die heilige Faust des Shuri-te“ genannt. Er stellte die Heian Kata (Pinan Kata) für Anfänger auf und trug maßgeblich dazu bei, dass viele alte Katas‚ überliefert wurden. Er veränderte viele traditionelle Katas, was zur Gründung von Tekki Nidan (vorher: Naihanchi Nidan)Tekki Sandan (vorher: Naihanchi Sandan)Bassai Sho und Kanku Sho führte. Er setzte sich auch dafür ein, dass an den Schulen Okinawas Karate unterrichtet wurde. Itosu forderte in diesem Zusammenhang: Beim Betreiben von Karate sollte beachtet werden, die Basis der Techniken nicht zu verlieren und die Auffassung des Karate durch zu viele Änderungen nicht zu entstellen. Dabei war es Itosu selbst, der einen Proteststurm bei den Stilvorständen in Okinawa hervorrief, zumal er eine bis dahin geheim gehaltene Kampfkunst in die Öffentlichkeit rückte. Ein weiterer Schüler von Matsumura war Asato (Anko) Yasutsune (1830–1915). Asato trainierte vor allem für sich und hatte nur wenige Schüler, einer davon war Funakoshi Gichin. Von Asato lernte Funakoshi aber nur die Kata Ku-shanku. Die von Itosu 1905 aufgestellte Heian Kata musste er später von Itosu und dessen Schüler Mabuni Kenwa (1889-1952) lernen. Funakoshi Gichin (1868–1957) arbeitete als Lehrer an einer Grundschule. Karate lehrte er den Schülern der Pädagogischen Hochschule in Okinawa. Als der Kronprinz und spätere Kaiser von Japan bei einer Reise im Hafen von Naha ankerte, gab Funakoshi vor dem Kronprinzen eine Karate-Vorführung. Entscheidend sollte aber eine Vorführung ein Jahr später, 1922 in Tokio, werden, wo Funakoshi im Alter von 53 Jahren die Kata Kushanku (die heutige Kanku Dai) bei der Ausstellung für Leibeserziehung vorführte.

Es wurde eine Reise ohne Wiederkehr. Zwar wollte er danach nach Okinawa zurückkehren, ließ sich aber dazu überreden, die Kata weiteren Schülern in Tokio zu zeigen. Insbesondere seine Freundschaft zu Kano Jigoro (1860-1938), dem Begründer des Judo, und dessen Ermutigung brachte ihn dazu, in Tokio zu bleiben. Er unterrichtete zuerst an der Keio-Universität, weitere Universitäten folgten, so dass er damit seinen Lebensunterhalt verdienen konnte. 

 

Aus Okinawa-te entstehen Stilrichtungen

Nicht nur der Wechsel von Okinawa nach Tokio war ein entscheidender Einschnitt. Auch die Art der Verbreitung der Kampfkünste änderte sich. Auf Okinawa ging der Schüler zum Meister, um unterrichtet zu werden. Und weil das geheim gehalten wurde, ging Funakoshi erst abends zu Meister Asato und trainierte dort oft die ganze Nacht. Jetzt

verbreitete der Meister seine Kunst in Schulen. In Okinawa gab es keine Namen für Stilrichtungen, sie unterschieden sich nur durch die Namen der Städte. Das Okinawa Te („Technik" oder Hand aus Okinawa") bestand aus einer Unmenge von Methoden und Techniken, die sich ein einzelner Mensch niemals merken konnte. Außerdem galt die Regel, eine Kata erst drei Jahre lang zu üben, bevor man eine neue beginnt. Dennoch fühlte man sich mit seiner Ausrichtung dem Hauptsystem auf Okinawa zugehörig. Beim Butoku-Fest in Kyoto allerdings war es üblich, die Herkunft und Stilrichtung der gezeigten Kunst zu erklären (das Butoku-Fest in Japan entspricht der in Europa verbreiteten Budo-Gala).

Bei Kendo- und Judo-Vorführungen war das längst der Fall. Der erste, der Karate beim Butoku-Fest vorführte, was 1935 Miyagi Chojun (1888-1953) aus Okinawa, der seine Naha-Te kurzerhand Goju-ryu nannte. Mabuni Kenwa ging von Okinawa nach Osaka und nannte seinen Stil Shito-ryu, von den Namen der Großmeister Itosu und Kanryo Higaonna (1853-1916) abgeleitet. „Shoto" war der Künstlername von Funakoshi und bedeutet „das Rauschen der Wellen und der Kieferngipfel durch den Wind an der Küste“ in Okinawas Wäldern. Funakoshi liebte die poetische Stille und war selbst ein Meister der Kalligraphie und Dichtkunst. Seine Trainingshalle, 1939 in Tokio gegründet, benannte er nach seinem Künstlernamen „Shotokan“ (Kan bedeutet großes Haus). Davon leitet sich der Name der Stilrichtung Shotokan Ryu ab.

Der Weg der Entwicklung des Karate ist lang. Unter Beachtung der geschichtlichen Entwicklung ist es möglich, Karate in der Form weiterzubetreiben, zu dem es sich bis heute entwickelt hat – als Kampfkunst."

 

*An einigen Stellen wurden von mir kleinere sprachliche Veränderungen und Korrekturen vorgenommen. Vielen Dank an A. Stüwe für die Hinweise.

 

Wer sich tiefgründiger mit der Geschichte auseinandersetzen möchte, und den die englische Sprache nicht abschreckt, dem sei von Andreas Quast „Karate 1.0: Parameter on an Ancient Martial Art" wärmstens empfohlen.